„Fürchtet euch sehr“

In der aktuellen Ausgabe der Idea Spektrum ist ein Kommentar erschienen, der sogar für idea-Verhältnisse bemerkenswert verdreht ist. Der Titel lautet „Hilft Liebe gegen Angst?“. Darin schreibt Helmut Matthies, der Leiter von idea, folgende erstaunliche Zeilen:

Wir sollen keine Angst haben, heißt es nach der islamischen Gewalt allenthalben. Da freilich ist Jesus näher an den Menschen. Denn er sagt: „In der Welt habt ihr Angst …„ Habt (!), nicht könnte, dürfte, möglicherweise. Das allein ist schon tröstlich. Aber dann kommt die alles übertreffende Verheißung unseres Herrn Jesus Christus: „… aber seid getrost, denn ich habe die Welt überwunden„ (Johannes 16,33). Der Trost für uns als Christen liegt bei aller Angst allein darin zu wissen, dass an unserem Herrn nichts vorbeigeht, er alles im Griff hat, denn nur er hat den Tod überwunden, sitzt zur Rechten Gottes und bietet jedem an, ihm in seiner Angst beizustehen.

Der Text ist eine Abrechnung mit den kirchlichen Verlautbarungen nach der jüngsten Reihe von gewalttätigen Anschlägen in Europa. Diese hatten sich mehrheitlich dafür ausgesprochen, jetzt nicht mit Angst, sondern besonnnen zu reagieren. Vielleicht hatten die Kirchenleute ja die Bibel gelesen, wo es unzählige Male heißt „Fürchte dich nicht!“. Diese Bibel, die so pointiert formuliert: „In der Liebe ist keine Furcht, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus!“ Aber nein, Matthies weist diese Forderung zurück. Er versteht es, seine Schäfchen in ihrer derzeitigen Verfassung zu bestätigen: Eure Angst ist nicht nur okay, sie ist sogar angebracht! Immerhin kommen die Moslems um euch zu holen!


Es gab mal eine Zeit, in den 70ern, da gründeten sich zahlreiche evangelikale Initiativen. Übrigens auch idea. Das erklärte Ziel dieser evangelikalen Bewegung war es, gegen die zunehmende politisierung der evangelischen Kirchen die frohe Botschaft zu betonen. Heute, 40 Jahre später, schreibt der Leiter von eben diesem idea einen Artikel, in dem er eben jene frohe Botschaft völlig verdreht, um seine Leserschaft gegen den Islam zu politisieren!

Ängste zu haben ist eine Sache, diese aber noch anzuheizen und in ein scheinfrommes Mäntelchen zu Hüllen widerstreitet allen Werten, die einst das Fundament der evangelikalen Gemeinschaft bildeten.

Ich wünsche meinen verängstigten Schwestern und Brüdern, dass sie dieses Evangelium neu entdecken, das freimachen will zur Liebe. Und den Evangelikalen, dass sie wieder um des Evangeliums Willen konservativ werden, und nicht um der Angst Willen.